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“Kosmodrom - ein Album voller Liebes- und Beziehungslieder”

Im Zuge der Veröffentlichung des Albums “Kosmodrom” im Mai 2017 führte das Magazin “Sonic Seducer” (Uwe Marx) ein intimes Interview mit Gimme Shelter, in dem viele Fragen zur Arbeitsweise der Band, zum Selbstverständnis von GS und natürlich über Depeche Mode (ja, wirklich) beantwortet wurden... Ein Auszug wurde bereits in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift abgedruckt. Hier nun das komplette Gespräch zum Nachlesen!

Frage: In den letzten 20 Jahren etwas in Vergessenheit geraten: die Raumfahrt, der ihr euch mit dem neuen Album thematisch widmet. Warum? Wahrscheinlich verschwand die Raumfahrt durch dringendere Problem der Menschheit aus dem Fokus der Menschen oder auch dadurch, dass der Wettkampf der Systeme USA - Kommunismus sich verändert hat nach dem Kalten Krieg. Wie seht ihr das?

Robert: Eigentlich geht es auf "Kosmodrom" gar nicht um das Thema Weltraum. Es ist vielmehr ein Album voller Liebes- und Beziehungslieder. Auch wenn das jetzt kitschig klingt, aber mit diesen ganzen Weltraumsachen kennen wir uns gar nicht aus. Mit der Liebe schon, denn sie ist ja das, womit wir Menschen täglich real zu tun haben und nach der wir uns sehnen oder wir sie bereits gefunden haben! Wir fanden aber, dass das "Kosmodrom", also der Punkt, von dem aus der Flug in den Weltraum startet, eine gute Metapher für den Zugang zu einer anderen Welt ist. Eine glückliche Liebe ist ja nichts anderes als ein "Kosmodrom". Die Reise an sich kann jedoch in beiden Fällen gut oder schlecht ausgehen.

Frage: Ihr bedauert es sicherlich, dass das Interesse (an der Raumfahrt) nicht mehr so da ist, oder? Seid ihr Science Fiction-Fans?

Robert: Ich bin überhaupt kein Science-Fiction-Fan. Außer den Film "Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe" habe ich nicht viel über den Weltraum gesehen. Wenngleich ich mich sehr intensiv mit der Person um Juri Gagarin beschäftigt habe. Hierzu habe ich viel gelesen und verschiedene Quellen studiert. Das hat mich so fasziniert, dass er auf unserem Album Einzug gehalten hat. Leider wird Gagarin in unserer westlichen Sichtweise auf die Erfolge der Weltgeschichte etwas in den Hintergrund gestellt. Das empfinden wir als sehr schade, weshalb wir mit unseren Mitteln an diesen mutigen Mann aus der Sowjetunion erinnern wollten.

Frage: Wie "Warnemünde" ist das mit Yuri Gagarin auch wieder so ein Osthema, oder? Allein mit dem Begriff "Kosmonaut" kann man im Westen kaum etwas anfangen.

Robert: Ach, in diesen Kategorien wollen wir gar nicht denken. Klar kennt man Warnemünde eher im Osten als im Westen, aber das liegt einfach an der Geschichte und der geografischen Lage. Für uns sind "Warnemünde" und auch "Kosmodrom" einfach Dinge, die uns im realen Leben umgeben, mit denen wir uns beschäftigen. Beide Orte sind aber jeweils nur Sinnbilder, die man nicht wörtlich nehmen sollte. Auch hier könnte man sagen, dass es Metaphern für Liebe sind. Wenn du träumend am Strand von Warnemünde sitzt, ist das Meer fast so unendlich wie der Kosmos.
Frage: Oft wird das inhaltliche Korsett aber gesprengt; z. B. mit “In Perfektion”. Mit einem derartigen deutschsprachigen Lovesong geht man doch auch ein gewisses Risiko ein, oder? Mit einem solchen Song steht man doch schnell recht nackt als "uncool" da ... Oder habt ihr keine Angst vor hämischen "Schlager"-Vorwürfen in der heutigen Onlinewelt?
Robert: Ich denke, wir sind auch so recht "uncool", um den Begriff zu gebrauchen. Unsere Musik unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von den üblichen Bands in diesem Genre. Wir legen uns einfach nicht auf einen Stil fest, sondern bearbeiten die Songs so, wie wir es fühlen und nicht, wie es bei den Leuten da draußen ankommen könnte. Das gilt auch für die Texte. Wir versuchen, alles - sowohl Text als auch Musik - möglichst authentisch zu halten. Das heißt, wir hören in uns hinein und so nehmen wir die Sachen im Studio dann auch auf - ohne, dass wir jedes Wort auf die Goldwaage legen. Wenn man an Texten zu sehr feilt, sind sie nicht mehr glaubhaft und authentisch. Es ist mir ein Rätsel, warum viele Menschen auf Max Giesinger, Helene Fischer oder Silbermond abfahren. Die haben alle einen riesigen Stab von Leuten, die denen die Texte schreiben und die natürlich darauf aus sind, ihre Arbeit gut zu machen und das Ziel haben, dass das bei den Leuten auch ankommt. Was das dann allerdings noch mit Authentizität zu tun haben soll, weiß ich nicht. Da halte ich es eher wie Steve Naghavi. Er meint ja auch, sein Englisch wäre schlecht, aber er schreibt die Texte so, wie er sie nunmal fühlt. Klar fragen sich dann einige Leute, was es mit diesem Song "Zitronen Im Sand" auf sich hat. Aber darauf gibt es keine reale Antwort. Man muss es fühlen, dann versteht man auch, was es bedeutet. Es ist doch viel schöner, seine eigene Interpretation zu finden, als sich mit einer schon vorgefertigten Meinung abzufinden. Man muss ja auch nicht zu allem einen Zugang finden.
Frage: Sorry! Ich muss ein paar Fragen zu einer anderen Band stellen: Depeche Mode - Wie findet ihr die neue Platte? Wart ihr in diesen Tagen auf der Tour in Prag oder in Leipzig?
Robert: Ich muss sagen, mir gefällt "Spirit" auf jeden Fall besser als die letzten zwei, drei DM-Alben und auch live sind sie irgendwie wieder frischer. Ich konnte das im März in Berlin und nun auch in Leipzig erleben.
Frage: Kann man als Gimme Shelter von Depeche Mode live etwas lernen/abgucken? Oder sind das ganz andere Dimensionen?
Robert: Depeche Mode sind Profis. Sie haben Zeit, ihre Songs zu inszenieren. Dave sagt ja selbst, dass er für jeden Song in eine bestimmte Rolle schlüpft. Das fehlt uns. Und wir wollen das auch gar nicht. Wir machen einfach unser Ding und entwickeln uns stetig weiter. Vor allem sind wir in unseren Setlisten viel flexibler als DM.
Frage: Mich erinnert die neue GS-Platte schon sehr an die heutigen DeMo - Von den Sounds her und auch die Vocals und das Pathos („Something Precious“) erinnert bisweilen an die Briten.
Robert: Nun ja, Depeche Mode steckt in mir. Seid ich zehn bin, gehören sie zu meinem Leben. Ihre Musik hat mich natürlich sehr beeinflusst, aber auch darüber hinaus finden sich viele weitere Quellen. Recoil, das Projekt von Alan Wilder, inspiriert Niko als auch mich sehr. Und mit Pathos haben wir eigentlich gar nichts zu tun. Wir versuchen es schlicht und einfach zu halten.
Frage: Überhaupt - Wie steht ihr zu Pathos in der Musik? Das, was euer Label als "atmospheric orchestrations of synths" bezeichnet, findet sich tatsächlich an vielen Stellen des Albums wieder; z.B. bei "Everything Is Here To Stay". Auch hier fühlt man sich angenehm an Depeche Mode erinnert.
Robert: Wie ich eben ausführte: Pathos ist nicht unser Ding. Die Strukturen unserer Songs weisen sicher Parallelen zu Depeche Mode auf. Das liegt einfach in der jahrelangen Prägung durch diese Band. Niko leistet hier wirklich gute Arbeit, denn er schafft es, den Songs den nötigen Schliff zu geben und auch die Dramatik oft so zu gestalten, dass sie sich nach hinten heraus aufbauen und mit einem Knall enden.
Frage: Noch eine letzte Frage zum Osten und auch Depeche Mode. Nämlich eine Frage, die beide Themenbereiche verbindet! Warum denkt ihr, wird die Band traditionell besonders im Ostteil Deutschlands geliebt? Es gibt ja viel spannende Literatur zum legendären einzigen DDR-Konzert der Band in Ostberlin.
Robert: Also, wir sind (mit 37 Jahren) einfach zu jung, um über das Ostberlinkonzert von 1988 etwas sagen zu können. Auch hier kenne ich die Ereignisse nur vom Erzählen und von verschiedenen Textquellen. Ich denke aber schon, dass DM gerade im Osten des Landes eine große Anhängerschaft haben. Das hat verschiedene Gründe, aber zu Gimme Shelter sehe ich hier keinen Bezug. Unsere Fangemeinde ist sowohl im Osten als auch im Westen bislang recht überschaubar.
Frage: Eure Musik strahlt einen gewissen Purismus aus - Hier gibt es keinen EBM, keinen Techno, keinen Darkelectro, keinen Noise. Das ist Konzept, oder?
Robert: Wie gesagt, wir legen uns nicht fest und schwimmen auch mit keiner Mode. Das liegt sicher auch daran, dass ich persönlich gar keine "moderne" Szene-Musik höre. Von daher weiß ich gar nicht, was im Moment so auf dem Markt ist und wie die anderen Bands so klingen. Wir versuchen einfach, Musik aus unserem Herzen zu holen und Erfahrungen und Emotionen einzufangen. Möglicherweise hat man damit weniger Erfolg, als wenn man in Schubladen denken würde und seinen Stil anpassen würde. Aber das würde uns nicht gefallen und würde auch nicht zu uns passen. Wir vereinen auf "Kosmodrom" verschiedene Stilrichtungen - egal, wie die sich nun nennen. Ich denke, das ist unsere große Stärke und zugleich unsere Schwäche, denn kein Song klingt im Grunde wie der andere. Es ist einfach nicht festgelegt und kann sicher einige Leute verunsichern, die sich gerne festlegen wollen. Trotzdem ist das aktuelle Album in sich schlüssig - trotz der verschiedenen Stilrichtungen. Das zeigt auch, wie stark wir an den Sounds und der Musik feilen, bis sich die verschiedenen Stilrichtungen zusammenfügen und das Fremde zum Vertrauten wird. Und es zeigt ebenso, wie vielseitig elektronische Musik sein kann.
Frage: Bei den Titeltracks habt ihr etwas euren Hang zum Experiementieren ausgelebt. Ist das denkbar, andere Stile eher beim Remixen oder mit Projekten auszuleben?
Robert: Ich denke, unsere gesamte Musik - sowohl auf Warnemünde als auch auf dem aktuellen Album Kosmodrom - ist ein einziges Experiment, weil wir eben nicht festgelegt sind. Uns schränken maximal unsere begrenzten musikalischen Fähigkeiten ein, nicht aber unsere Gedanken und technischen Möglichkeiten der elektronischen Musik. Niko macht ja nebenher auch erfolgreich Remixe für andere Bands und ist in weiteren Projekten involviert. Ich hingeben versuche im Moment mein ganzes Engagement Gimme Shelter zur Verügung zu stellen. Von Remixen an sich in Bezug auf Gimme Shelter sind wir aber nicht so begeistert. Wir hatten mal eine Maxi mit verschiedenen Remixen herausgebracht, aber dabei haben wir festgestellt, dass wir darin keinen richtigen Sinn oder künstlerischen Mehrwert sehen. Wir sind eher so eine Album-Band. Auch in Zukunft wird es daher sicher keine fremden Remixe von Gimme Shelter geben. Wenn, dann machen wir das selber. Schließlich haben wir Niko, der das gut bewerkstelligen könnte. Warum sollten wir also jemand anderes dafür einspannen?
Frage: Interessanterweise gibt es von GS auch keine Coverversion, oder? Ist da was in Planung? Oder habt ihr live eine Coverversion im Programm? Ich dachte ja mit „Never Enough“ covert Ihr The Cure, aber das ist doch ein ganz eigener Track.
Robert: Das stimmt so nicht, denn wir sind auf einem Front 242-Sampler (erschienen bei KL Records) mit dem Song "Soul Manager" vertreten. Hier konnten wir ein bißchen unsere härtere Seite ausleben. Auch live spielen wir hin und wieder "Radioaktivität" von Kraftwerk. Früher war auch mal "Für" von And One im Programm, aber bei kurzen Konzerten, zum Beispiel als Support-Act bei Assemblage 23 oder Neuroticfish, möchten wir doch eher unsere eigenen Songs präsentieren. Bei längeren Konzerten kann man aber sicher sein, dass wir einen Coversong spätestens im Zugabenteil im Rucksack haben.
Frage: Wenn ihr Songs aufnehmt, produziert, probt, komponiert, hat man da 40 Jahre synthetische Musik im Hinterkopf? Qusi als Hypothek? Dass man denkt: "Hm, das klingt jetzt doch wie..." Ich dachte beim Anfang von “Get Out Of my Life” an den Gassenhauer “Sweet Dreams (Are Made Of This)”.

Robert: Oh danke. Dieser Vergleich ist mir neu. Aber es gefällt mir immer, wenn mir jemand sagt oder schreibt, wie sie/er einen Song von uns empfindet. Im Allgemeinen funktioniert es bei uns so, dass mir ein Gefühl im Kopf rumschwirrt und ich dazu einen Song schreibe. Meist versuche ich das Demo recht schlicht zu halten, damit sich Niko daran austoben kann. Teilweise sind die Demos aber auch recht fortgeschritten und weisen bereits in eine Richtung. Wenn ich Glück habe, hält sich Niko bei der Bearbeitung an meine Vorstellungen und mein Demo, in einigen Fällen hat er aber auch weitaus bessere Ideen und der Song geht dann in eine völlig andere Richtung. Wir haben schon überlegt, irgendwann mal ein Album mit all den Demos herauszubringen, um nach außen zu zeigen, wie verschiedenen die endgültigen Versionen dann sind. Meine Demos sind meist etwas düsterer und Niko bringt sie dann auf eine poppigere Linie. Niko hat hier im Grunde völlig freie Hand und das nutzt er auch. Klar, wenn mir etwas überhaupt nicht gefallen würde, dann ändern wir das auch, denn wir sind schon eine sehr demokratische Band und wir streben stets an, dass wir alle Entscheidungen gemeinsam treffen und mit dem Resultat beide zufrieden sind. Teilweise entstehen die Songs aber auch beim Aufnehmen von anderen Stücken. Grundsätzlich arbeitet Niko meist das Arrangement aus und produziert die Songs. Wir setzen uns dann gemeinsam im Studio zusammen und bearbeiten gemeinsam Details oder spielen noch Melodien und so weiter ein. Klar hat man beim Aufnahmeprozess immer mal Werke anderer Künstler im Kopf. Vor allem wenn wir mal nicht weiterwissen, klicken wir uns durch die Weltgeschichte der Musik und bekommen so unsere Inspirationen. Wenn die Parallelen aber zu offensichtlich sind, ändern wir das dann aber ab, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, so zu klingen wie... Kosmodrom hat bewiesen, dass wir mit unserer Arbeitsweise ein sehr gutes Album abliefern können. Es ist vielseitig und bringt sowohl Nikos Stärken beim Arrangieren und Produzieren als auch meine Stärken beim Songsschreiben auf den Punkt. Beides ergänzt sich wunderbar.